Lass uns mal schnell die Welt boykottieren

Ausbeuten oder Boykottieren? Sind wir gut oder schlecht?

Gestern wurde ich darauf angesprochen, warum ich quasi den Ausbeuterbetrieb Amazon auf meiner Homepage verlinke und Werbung für diesen schalte. Verärgert zog ich mich in mein Schneckenhaus zurück und erinnere mich daran, was für ein schlechter Mensch ich eigentlich bin. Ironie aus. In ernst, würde man sich meinen Lebensstil genauer ansehen, würde man meinen, mir wäre die Welt scheiß egal. Ich esse Eier, ich geh zu Starbucks, ja ab und zu sogar zu Mc Donald und bestelle bei Amazon. Bin ich jetzt ein böser Mensch? Nein – ich laste mir dieses Vorurteil echt nicht mehr auf, gerade in Zeiten wie diesen.

Monsanto, Regenwald und Co

Diese Themen betreffen auch mich und regen mich zum Nachdenken an. Natürlich bin ich dagegen das gewisse Firmen das Trinkwasser privatisieren und den Regenwald für Schokocreme abholzen. Doch mich stört daran, dass gewisse Produkte stets boykottiert werden, obwohl andere eigentlich auch betroffen sind. Unter dem Strich dürften wir nichts mehr kaufen, nirgendwo mehr hingehen und das Leben eigentlich nicht mehr genießen.

Es werden mittlerweile viele Alternativen angeboten. Ein Biomarkt nach dem anderen sprießt aus dem Boden, was wunderbar ist, doch die Entwicklung dort hin ist auch keine bessere. Viele „Gutmenschen“ fühlen sich jetzt wunderbar, weil sie im Biomarkt einkaufen, der wiederum von einem Konzern geleitet wird. Die Produkte sind eventuell Vegan, aber im Grunde hat sich auch nicht viel am Unternehmertum verändert. Ausgebeutet wird auch da.

Zurück zum Thema. Mir ging es in diesem Artikel eigentlich rein um das Wort „Ausbeutung“ und Firmen, die keine Steuern zahlen etc. Meiner Recherche nach, verdienen Lagerarbeiter bei dem Online Riesen über 1500 Euro. Ob Brutto/Netto kann ich nicht sagen. Vom Gehalt alleine her, würde ich mal behaupten, dass dies im mittleren Bereich liegt, für angelernte Kräfte ein super Verdienst. Natürlich kann ich nichts zur Firmenstruktur intern sagen, dass kann eigentlich niemand, der nicht dort gearbeitet hat. Jedenfalls gibt es viele Jobs, wo Leute „leiden“ müssen. Ein Arzt der 48 Stunden keinen Schlaf bekommt, der Bauarbeiter, der bei 50 Grad in der Sonne hackelt und die Pflegehelferin, die sich um 1000 Euro im Monat dauerhaft den Rücken ruiniert. Beispiele aus der Praxis, aber geschimpft wird immer nur auf die Großkonzerne.

Wenn ich daran denke, dass wir nach dem Tod meines Onkels, eine Nachzahlung vom Pflegeheim bekamen. Nach dem Schlaganfall verbrachte er 3 Monate in Kurzzeitpflege bevor er wieder heimkam. Wir mussten 16.000 Euro dem Fond zurück zahlen. 16.000 Euro für meinen Onkel, der eigentlich eh fähig war, sich selbst zu versorgen, er bekam nur ab und an Krankengymnastik und ekliges Essen. Rechnet euch einmal aus, was so ein Heim einnimmt und was im Endeffekt für die Pflegehelfer übrig bleibt. Hier leiden eh schon alle, wegen der Krankheit und am Ende bekommt man auch noch eine Rechnung präsentiert, die sich gewaschen hat.

Arbeitsplätze werden vernichtet

Ich bin bei einer Texterplattform angemeldet, wo es NORMAL ist, dass Autoren in der höchsten Stufe 2 Cent pro Wort verdienen. Das sind 6 Euro für einen durchschnittlichen Artikel. Ich bin noch dort, weil ich noch keine Alternativen fand. Es ist ein Fluch und ein Segen zu gleich. Natürlich bekommen diese Menschen nur eingeschränkte Qualität geliefert, weil ich mich nicht für 6 Euro drei Stunden hinhocke. Ich tippe meine Sachen runter und das war es. Ich passe mich dem Niveau an. Jedenfalls bin ich zur Zeit dankbar, dass ich diese Möglichkeit habe und mit meiner Schnelligkeit komm ich sogar auf 15-20 Euro pro Stunde. Würde jetzt ein Gutmensch diese Plattform einstampfen, hätte ich heute keinen Job mehr.

Nun stellt euch vor, jemand stampft Amazon ein. Wir hätten von heute auf morgen tausende Arbeitslose weltweit, zudem würden tausende Webseiten nichts mehr verdienen, weil sie keine Werbung mehr schalten, tausende Autoren würden ihre Bücher nicht mehr verkaufen. Viele Bücher, wie auch meines, wird nur auf Amazon angeboten, weil wir ohne Verlag veröffentlichen. Solche Seiten haben also auch eine gute Seite, die oftmals übersehen wird.

Sollten sich nicht jene Menschen zusammen tun, die ausgebeutet werden? Viele Fluggesellschaften machen es vor. Sie streiken und zeigen, was sie haben wollten. Die Passagiere ärgern sich natürlich, aber das ist ihr recht und so bewegt sich auch wirklich was. Ich würde mich gerne gegen so manche Texterplattformen stellen und etwas verändern. Aber leider ist es so, dass hier einige diesem Verein noch in den Arsch kriechen und noch mehr Qualität für noch weniger Geld liefern. Auch Menschen, die sich gewisse Dinge gefallen lassen, müssen lernen, sich zu wehren. So sagt man es mir ja auch immer. Leute, die ständig beim Kartenleger anrufen, müssen es selbst lernen. Ich hab es jetzt durch meinen eigenen Artikel begriffen, dass es eigentlich keinen Sinn macht, sich da aufzuregen.

Die Sache mit den Steuern

Viele Firmen stehen auch in Kritik, weil diese angeblich keine Steuern zahlen müssen. Ob der Kaffeeriese, der schwedische Möbelbauer oder eben der Online Gigant. Meine Lieblingscafekette hat immer so tolle Angebote, kaum posten diese ihre Werbung, steht schon darunter. „Zahlt eure Steuern“. Muss das sein? Anderseits kenne ich so viele Youtube Videos, wo Menschen dazu aufrufen, den Personalausweis wegzuwerfen und keine Steuern mehr zu bezahlen oder die Firmen auch im Ausland anzumelden. De Facto, JEDER Mensch würde Steuern sparen, wenn er es könnte und würde garantiert nicht freiwillig zahlen. Es ist richtig, dass die kleinen Firmen mehr darunter leiden, aber die großen Firmen fördern eben wiederum Arbeitsplätze und WIR Konsumenten profitieren von den günstigen Preisen. Schwedisches Frühstück um 1 Euro. Das alles würde es nicht mehr geben, wenn die Steuern erhöht werden.

Natürlich ist Qualität besser als Quantität. Aber wir alle hocken in einem Chaos Boot, welches man nicht einfach boykottieren kann. Würden alle vom Boot springen, geht der Rest erst recht unter. Ich trinke meinen Kaffee am liebsten bei Starbucks. Mir schmeckt der Kaffee dort am besten und das, obwohl ich Wiener bin. Gut, der Kaffee im Sacher schmeckt mir noch besser, dort kostet dieser aber 7 Euro. Komisch, da beschwert sich keiner. Eine kleine Rechnung für alle, die auch glauben. Starbucks ist teuer

Starbucks ist bekannt für seine Mischgetrännke. Zb. Cafe Latte mit Zimt oder wie auch immer. Man bekommt um 4.50 Euro ein 500 ml Getränk. In einem anderen Cafe bekommt man mittlerweile um 3 Euro gerade mal einen 250 ml Kaffee, der teilweise nicht einmal schmeckt. Im Starbucks arbeiten viele Freiberufler am Laptop. Niemand beschwert sich, wenn wir dort 3 Stunden sitzen bleiben, es gehört zum Ambiente dazu. Es gibt Gratis WLAN und Steckdosen. Praktische Tische zum Arbeiten und bequeme Sitzgelegenheit. Nun gibt es auch viel CoWorking Plätze in Wien, wo man in der Stunde 3-20 Euro bezahlt und den Kaffee extra bezahle muss. Da geh ich lieber ins Starbucks. Wem die 4,50 Euro zu teuer sind, kauft sich einen Becher und bekommt in Folge alle Getränke um 50 Cent billiger. Ich nehme mittlerweile den Filterkaffee. Hier würde ich 500 ml Kaffee um 1,80 Euro erhalten, den ich GRATIS nachfüllen kann. Jedoch ist mein Becher immer nur halbvoll, den ich im Endeffekt mit Milch zum Cafe Latte upgrade GRATIS. – 1,80 Euro für 3 Stunden Arbeiten, WLAN und Strom. Ich beschwere mich nicht, dass Starbucks keine Steuern zahlt, ICH bedanke mich, dass ich als Freelancer dort um diesen günstigen Preis arbeiten kann und MIR etwas einsparen kann.

Noch ein paar Fakten zu Starbucks. Ihr kennt sicher die amerikanische Lage. Viele Firmen zahlen keine Krankenversicherungen und der Durchschnittslohn bei angelernten Kräften liegt so bei 6 Dollar. Meinen Recherchen nach, bekommen US-Bürger um die 11 Dollar(10 Euro) pro Stunde. Zusätzlich erhalten die Mitarbeiter eine Krankenversicherung und viele werden finanziell im Collage unterstützt. So etwas unterstütze ICH persönlich gerne mit meinem Geld.

Es ist nicht alles schlecht, nur weil ein Großkonzern dahinter steckt. Natürlich wünschte ich mir auch, dass wir wieder zig kleine Geschäfte haben, wo die Leute gut bezahlt werden und die Beratung 1A ist, aber die Welt verändert sich. Statt Dinge boykottieren gilt es, Alternativen zu erschaffen. Es beschweren sich so viele einmische Cafes über Starbucks, ändern aber selbst nichts am Programm. Man sollte sich ruhig mal die großen genauer anschauen, was diese richtig machen. Es gibt Lokale mit Schildern „Hier gibt es kein WLAN, unterhaltet euch“. Ein typischer Gutmensch Gedanke. JA ich gehe auch in Cafes, um mich zu unterhalten. ABER ich bin zu 90% dort, um zu arbeiten. Weil ich dort die meisten Ideen habe und kreativ bin. Zuhause fühle ich mich alleine, eben weil ich ständig in der digitalen Welt unterwegs bin. Im Cafe hab ich doch einige Menschen um mich herum und bekomme von der Welt etwas mit.

Wir verändern die Welt nur, in dem wir sie verändern, NICHT boykottieren

Wir alle wünschen uns eine bessere Welt, nur wir wollen uns nicht einmal ausmalen, was passiert, wenn der Boykott, wirklich funktionieren würde. Über Nacht wäre Facebook nicht mehr da, Menschen können sich nicht mehr austauschen. Über Nacht wäre Youtube weg, keine Engel Orakel mehr, keine Aufklärungsfilme, es gäbe keine Plattform mehr für die Erklärungen, der neuen Welt. Würde Amazon zusperren, wie erwähnt. Wären viele Blogger arm und arbeitslos. Wieder mehr, die vom Staat durchzufüttern sind und da ja alle Großkonzerne zusperren, gibt es auch keine Jobs mehr, die jetzt schon rar sind. Ganz im ernst, der Boykott, gegen die Ausbeuter beutet uns im Endeffekt aus.

Wir müssen weiterhin konsumieren und damit leben, dass wir unsere „Erdenbürger“ am Leben halten können. Es ist richtig, dass die Chefs immer reicher werden, aber wenn wir boykottieren, sorgen wir dafür, dass die Mitarbeiter verhungern. Selbiges auch in Indien und Co. Die Kinder sind arm, auch die Frauen, keine Frage. Aber, wenn wir ihnen diesen Job wegnehmen, haben sie gar keinen mehr. – Ihr seht also, es ist nicht so einfach, wie gedacht. Der VERZICHT alleine verändert die Welt nicht. ALTERNATIVEN müssen geschaffen werden. Für jeden Arbeitsplatz der boykottiert wird, muss eine Alternative her. Es könnte ja mal jemand hergehen und ein neues Online Werbesystem aus dem Boden stampfen, dass wirklich so gut ist, wie die Konkurrenz. Es müssen sich nur die richtigen zusammentun. Ich kann leider nicht so gut programmieren, aber ich bin mir sicher es gibt genug kluge Köpfe.

Fair Trade Mode ist auch im Aufschwung, aber hässlich – so sorry. Warum produziert ihr nicht normale Klamotten. Nicht jeder steht auf Öko Look. Ich wollte Öko Schuhe kaufen, nur in Größe 42 gibt es nichts. Umdenken, nachdenken, weiterdenken – so retten wir de Welt. Es wird nicht von heute auf morgen funktionieren, aber es wird irgendwann. Doch ich höre auf zu boykottieren. Ich versuche dort zu helfen, wo es meine Möglichkeiten erlauben, ich versuche ebenso Alternativen zu schaffen und zu suchen, wenn es diese gibt. Aber ich sehe auch dort ein Licht brennen, wo andere nur Ausbeutung schreien. Alles hat zwei Seiten und wenn wir uns ehrlich sind, müssten wir die ganze Welt boykottieren und das wird sowieso nicht funktionieren. Total Verzicht macht keinen Sinn, aber reduzieren auf allen Ebenen, bewegt einiges, ohne das andere darunter leiden. Ein Stück altbewährtes, ein Stückchen Neues und irgendwann hat alles seinen Sinn. Viele werden sich auch über meine Gedanken beschweren, aber ich versuche immer weiter zu denken und nicht nur schwarz oder weiß. 

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